Konstanzer Seilbahn: Eher Gefahr als Lösung

Seit Jahren hält sich die Idee einer Seilbahn, eingebracht und vorangetrieben vor allem von Oberbürgermeister Uli Burchardt. Mittlerweile ist von Kosten in Höhe von mindestens 350 Millionen Euro die Rede. Dr. Hanjo Schäfer, ein Mann vom Fach, hat nun alle Konstanzer Gemeinderatsfraktionen kontaktiert und warnt deutlich davor, die Seilbahn-Pläne weiterzuverfolgen. Vielmehr plädiert er erneut für eine Straßenbahn. Hier sein Schreiben im Wortlaut.

Sehr geehrte Damen und Herren,

als Konstanzer Bürger möchte ich an Sie, als Vertreter des Volkes, appellieren, dem Projekt „Seilbahn“ vehement entgegenzutreten. Mittlerweile ist recht offensichtlich, dass dieses Projekt eine Gefahr und keine Lösung für die Stadt Konstanz darstellt.

Kosten: Die jüngste Kostenschätzung zeigt, dass eine Seilbahnlösung mindestens so teuer ist, wie eine Straßenbahnlösung mit äquivalenter Funktion. Allerdings müssen die Kosten der Seilbahn mindestens um einen Sicherheitsfaktor zwei erhöht werden, da es sich um eine Neuentwicklung handelt. Denn es gibt kein Vorbild, bei dem eine Seilbahn als urbanes Flächenverkehrsmittel eingesetzt worden wäre. Jeder weiß, dass eine Neuentwicklung mit hohen Risiken und Kosten behaftet ist und auch die Gefahr birgt, dass die Dinge am Ende nicht so funktionieren wie geplant.

Ob es jemals zu einer Förderung durch GVFG-Mittel (Anm.d.Red.: Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz) kommen kann, ist fraglich. Auch hier gibt es kein Vorbild. Wäre die Stadt Konstanz vernünftig, würde sie sich, wie alle anderen Städte in Deutschland und Europa, für eine Straßenbahn entscheiden. Hier gibt es umfangreiche Erfahrungen sowohl was die Kosten als auch die Technik betrifft und das Rad muss nicht neu erfunden werden. Nicht ohne Grund bauen andere Städte, wie z.B. Ulm, Ihre Straßenbahnnetze aus und bekommen dafür auch Mittel aus dem GVFG-Topf.

Fahrgastfreundlichkeit / Barrierefreiheit: In der Bevölkerung leiden 5 % permanent und bis zu 10 % temporär an Höhenangst. Für diese Menschen scheidet das Verkehrsmittel Seilbahn aus oder ist mit einer besonderen Belastung verbunden. Wer kann das wollen? Dazu kommen Menschen, die bei stärkerem Wind unter dem Schaukeln der Gondeln leiden und von Übelkeit und Schwindel betroffen sind.

Die Menschen wohnen in den Straßen von Konstanz und nicht über den Dächern: Ein Haltestellennetz, dass für ein urbanes Verkehrsmittel typisch und attraktiv ist, lässt sich mit einer Seilbahn kaum bewerkstelligen. Damit stellt sich die Frage: Auf wen oder was wird die Seilbahn eigentlich ausgelegt?

Sicherheit: Als öffentliches Verkehrsmittel im Dauereinsatz ist über die Zeit hinweg mit Fehlerfällen zu rechnen. Es muss z.B. damit gerechnet werden, dass eine Seilbahn unvorhergesehen länger angehalten werden muss und die Fahrgäste mittels Helikopter aus den Kabinen evakuiert werden müssen. (Anm.d.Red.: Einen ähnlichen Vorfall gab es neulich in Köln). In einem solchen Fall kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch die zentrale Energieversorgung für die Klimatisierung der Kabinen ausfällt. Da die Evakuierung jedoch mit Zeitaufwand verbunden ist, muss eine redundante Klimaanlage in den Kabinen vorgesehen werden, um im Winter ein Erfrieren der Fahrgäste zu verhindern. Dies als ein Beispiel, welche besonderen Sicherheitsmaßnahmen erforderlich sind und in der derzeitigen Kostenschätzung vermutlich nicht enthalten sind. Man denke an den Berliner Flughafen, bei dem die Sicherheitsvorschriften (und in diesem Fall deren Nicht-Beachtung) einen Großteil der Mehrkosten und Zeitverzögerung ausmachen.

Zum Vergleich: Wenn es bei der Straßenbahn eine Störung gibt, können die Fahrgäste in der Regel einfach aussteigen. Auch ein Rettungswagen hat einen deutlich leichteren Zugang, sollte einer der Fahrgäste ein akutes gesundheitliches Problem haben.

Bereits vor einigen Jahren war eine Konstanzer Straßenbahn sowohl in der Stadtverwaltung als auch im Gemeinderat ein Thema und es gab auch schon Ideen zur Liniengestaltung. Wir könnten heute schon viel weiter bei diesem Thema sein, wenn wir uns einfach andere Städte und deren Erfahrungen zum Vorbild nehmen würden, statt den Versuch zu wagen, Konstanz zu einem Versuchsgelände für ein in dieser Funktion unerprobtes Verkehrssystem umzugestalten.